03.06.2011

Unternehmer für spätere Bildungsentscheidung

Wien (APA) - Unausreichende Einstiegsqualifikationen in die Lehre und hohe Dropout-Quoten nach der neunten Schulstufe: Aus Unternehmenssicht liegen notwendige Reformschritte im österreichischen Schulwesen klar im Übergang in die Sekundarstufe II (AHS-Oberstufe, Berufsbildende Mittlere und Höhere Schulen) nach der achten Schulstufe. Wie aus einer Unternehmensbefragung des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) hervorgeht, fällt die Entscheidung der Schüler über den weiteren Bildungsweg mit 14 Jahren aus Unternehmersicht jedoch "zu früh". Zielführende Konsequenz laut Studie ist eine klare Trennung von Pflichtschulzeit und weiterführendem Bildungswesen. Das heißt: Die Sekundarstufe I soll erst nach der neunten, nicht nach der achten, Schulstufe enden - idealerweise verbunden mit einer "Mittleren Reife".

 

   Durch die frühe äußere Differenzierung erhalten laut ibw vor allem Zeugnisnoten eine zu wichtige Lenkungsfunktion - von ihnen hängt es ab, welchen Bildungsweg ein Schüler nach der Volksschule bzw. nach der achten Schulstufe einschlägt. Ein objektiveres Kriterium wie landesweite, standardisierte Tests ist daher für viele Unternehmer wünschenswert: Knapp 80 Prozent der Befragten sprechen sich für eine "Mittlere Reife" am Ende der Schulpflichtzeit aus bzw. halten diese für eine Möglichkeit. Etwa 65 Prozent geben an, dass der Aufstieg in das weiterführende Bildungssystem (maturaführende Schulen, Fachschulen, Lehre) erst mit positivem Abschluss der Prüfung möglich sein soll.

 

   Viele österreichische Eigenheiten

 

   Die Befragung von etwa 900 Unternehmen verbindet das ibw mit einem europäischen Strukturvergleich, in dem Österreich in vielerlei Hinsicht heraussticht. So gehört Österreich jeweils zu den wenigen Ländern mit dem jüngsten Einstiegsalter in die Sekundarstufe II (14 Jahre), dem höchsten Anteil an Jugendlichen in berufsbildenden Ausbildungsformen und einer sehr frühen äußeren Differenzierung in unterschiedlichen Schultypen - nämlich der Trennung der Schüler in AHS, Hauptschule und Neue Mittelschule ab dem zehnten Lebensjahr.

 

   Bereits diese frühe Trennung gehe mit deutlich höheren Leistungsunterschieden zwischen den Schülern einher und habe "beträchtliche Auswirkungen hinsichtlich der weiteren Bildungswege".

Die Entscheidung, welchen Schultyp ein Kind nach der Volksschule besucht, hänge demnach stark vom sozio-ökonomischen Hintergrund der Eltern ab - und führe dazu, dass später leistungsschwächere Schüler primär in den Polytechnischen Schulen, der Lehre und den berufsbildenden mittleren Schulen anzutreffen sind. Für Lehrbetriebe bedeute das einen geringen Anteil an qualifizierten Lehrlingen - 70 Prozent von ihnen geben laut ibw an, häufig oder manchmal Schwierigkeiten zu haben, geeignete Lehrlinge zu finden. 42 Prozent meinen indes, dass sich die Einstiegsqualifikationen der Lehrstellenbewerber in den letzten zehn Jahren verschlechtert hätten.

 

   Vorschlag würde Ende des Poly bedeuten

 

   Vor allem die "Brückenfunktion" der einjährigen Polytechnischen Schulen, die laut dem Bildungsfahrplan von SPÖ und ÖVP "attraktiver" gestaltet werden sollen, stellen die befragten Unternehmer in Frage.

Die Poly wurde einst eingeführt, um die "Lücke" zwischen Sekundarstufe I und dem Ende der Schulpflicht bzw. dem Eintritt in die Lehre oder weiterführenden Bildungswegen zu schließen. Die "klassische" Zubringerfunktion der Polys treffe heute jedoch "nur" für rund 40 Prozent der Lehranfänger zu. Mit dem Reformvorschlag, die Sekundarstufe I um ein Jahr zu verlängern und mit einer Prüfung abschließen zu lassen, wird die Poly obsolet.

 

   Wie aus einer zusätzlichen qualitativen Befragung von 13 Unternehmen hervorgeht, habe es die Schule bisher verabsäumt, "adäquat auf die neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu reagieren". Grundkompetenzen wie Rechnen, Lesen und Schreiben hätten unter einer Ausweitung des Lehrstoffes gelitten; Formen zeitgemäßer Pädagogik seien vernachlässigt worden.

Die Lehrstellenbewerber zeigten "unterdurchschnittliche kommunikative und soziale Fähigkeiten", seien "tendenziell zunehmend unfähig", ihrem Leben "eine Struktur und Ordnung zu geben" und demotiviert. Das Schulsystem in seiner derzeit bestehenden Form könne das Problem der "sinkenden Ausbildungsreife" nicht lösen. Hier geht man laut ibw daher noch einen Schritt weiter - und spricht sich tendenziell für ein Gesamtschulkonzept aus, also einer gemeinsamen Schule der 10- bis 15-Jährigen bis zum Ende der Pflichtschulzeit.