30.05.2012

Lesetest: Fördermaßnahmen zeigten Wirkung

Wien (APA) - Der heuer zum zweiten Mal durchgeführte "Wiener Lesetest" für alle rund 31.000 Schüler der vierten bzw. achten Schulstufe hat ähnliche Ergebnisse wie 2011 geliefert. "In der normalen Testgruppe hat es leichte Verbesserungen gegeben, die aber nicht signifikant waren", so Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (S) bei einer Pressekonferenz. Ein "wirklicher Qualitätssprung" sei aber bei jenen 3.700 Schülern zu sehen gewesen, die im Vorjahr in der Risikogruppe der schwächsten Leser landeten und heuer nach Fördermaßnahmen nachgetestet wurden: Bei den Volksschülern konnten mehr als 60 Prozent die Risikogruppe verlassen, bei den AHS- bzw. Hauptschülern 40 Prozent.

 

   Am vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) unterstützten Lesetest nahmen Ende Februar/Anfang März rund 15.000 Kinder in der vierten Klasse Volksschule und rund 16.000 Kinder in der vierten Klasse AHS-Unterstufe bzw. Hauptschule teil. Außerdem wurden jene rund 3.700 Schüler nachgetestet, die im Vorjahr beim Lesetest in der schwächsten Kompetenzstufe gelandet waren ("Risikoschüler") und in der Zwischenzeit durch unterschiedliche Maßnahmen speziell gefördert wurden.

 

   Ein Fünftel Risikoschüler

 

   In der vierten Klasse Volksschule liegt die Zahl der Risikoschüler bei rund 20,5 Prozent (2011: 23,7 Prozent). Innerhalb dieser Gruppe wurde noch einmal unterschieden: Mehr als halbiert hat sich mit 3,9 Prozent die Zahl jener Schüler, die intensiven Förderbedarf haben (2011: 10,6 Prozent), 16,6 Prozent haben "normalen" Förderbedarf (2011: 13,1 Prozent). Keine zusätzlichen Unterrichtsmaßnahmen brauchen 79,4 Prozent (2011: 76,3 Prozent).

 

   Ähnlich sieht es in der vierten Klasse Hauptschule bzw. AHS-Unterstufe aus: Die Gruppe der allerschlechtesten Leser hat sich fast halbiert und liegt nun bei 3,7 Prozent (2011: 6,9 Prozent). 18 Prozent haben "normalen" Förderbedarf (2011: 12,3 Prozent), 3,5 Prozent "etwas Förderbedarf" (2011: 9,5 Prozent). Überhaupt keinen Förderbedarf weisen 74,8 Prozent auf (2011: 71,2 Prozent).

 

   Wichtigstes Resultat für Brandsteidl waren aber die Ergebnisse der nachgetesteten Schüler der vorjährigen Risikogruppe: Von den rund 2.700 mittlerweile in der 5. Schulstufe sitzenden Volksschul-Risikoschülern des Vorjahrs blieben nur 37 Prozent auf dem schwächsten Level - 61 Prozent erreichten die nächste Kompetenzstufe, zwei Prozent sogar die höchste. Von den knapp 1.000 mittlerweile in der neunten Schulstufe sitzenden Hauptschul-/AHS-Risikoschülern des Vorjahrs verblieben 59 Prozent auf der schwächsten Stufe - 38 Prozent erreichten das nächsthöhere Level, drei Prozent das höchste.

 

   Genugtuung über das Ergebnis

 

   "Je älter die Schüler, desto geringer wird die Chance, dass auch bei intensiver Beschulung die Ergebnisse besser werden", folgerte Brandsteidl. Bifie-Direktor Günter Haider äußerte Genugtuung über das Ergebnis: "Das ist auch eine Befriedigung für uns. Diese Tests helfen den Schülern besser zu werden." Man habe nun auch gesehen, dass man die Lesekompetenzen der Schüler nicht nur durch langfristige Maßnahmen wie etwa in der Lehrerfortbildung verbessern könne, sondern dass auch kurzfristige Aktionen zum Ziel führten.

 

   "Der Vorteil des Lesetests ist die völlige Personalisierung", betonte Brandsteidl. Die Risikoschüler könnten so identifiziert und entsprechend unterstützt werden. Einen anderen Weg geht Unterrichtsministerin Claudia Schmied (S) mit den Bildungsstandards

- dort werden die Einzelergebnisse nur den Schülern selbst mitgeteilt. Formaler Grund: Das Bifie darf diese Daten aufgrund datenschutzrechtlicher Bestimmungen derzeit nur den einzelnen Schülern bekanntgeben - beim Wiener Lesetest ist hingegen der Stadtschulrat Auftraggeber.

 

   In Wien wird übrigens weiter getestet: Ab dem kommenden Jahr gibt es neben dem "Wiener Lesetest" bereits Tests in der dritten bzw. siebenten Schulstufe, um Risikoschüler noch früher zu identifizieren. Außerdem werden die diversen Kursmaßnahmen für schwache Leser intensiviert.

 

   ÖVP ernüchtert

 

   Als "ernüchternd" und "keineswegs als Erfolg" wertet die Bildungssprecherin der Wiener VP, Isabella Leeb, die Ergebnisse des Wiener Lesetests. Gegenüber dem Vorjahr habe es nur äußerst marginale Verbesserungen gegeben. "Fakt ist, dass weiterhin circa jeder Vierte der getesteten Schüler nicht oder nur kaum lesen kann", so Leeb in einer Aussendung.

 

   Für die VP-Politikerin ist es auch "keine Überraschung, dass das Ergebnis wiederum ernüchternd ausfällt, da viele Kinder aufgrund der Vorgangsweise der Stadt Wien nicht erreicht werden". Die Lesetests müssten ein Jahr vorverlegt werden, um es leseschwachen Kindern zu ermöglichen, Defizite noch vor Abschluss der Volksschule auszugleichen. Die angekündigten Lesechecks würden wohl auch keine Abhilfe schaffen. "Besonders erschreckend" ist für Leeb die Tatsache, dass bei knapp 60 Prozent der Schüler, die beim letztjährigen Lesetest in der 8. Schulstufe als Risikoschüler klassifiziert und nun nachgetestet wurden, weiterhin keine Verbesserung eingetreten ist.