09.04.2013

Quantenphysik zum Angreifen - "Es prickelt"

Quantenphysik zum Angreifen - "Es prickelt"

 

   Wien (APA) - Quantenphysik zum Angreifen - das bietet buchstäblich eine ab 10. April geöffnete Ausstellung in der Wiener Galerie Ulysses, in der jene fünf Experimente zu sehen sind, die der Wiener Quantenphysiker Anton Zeilinger im Vorjahr bei der Kunstausstellung documenta 13 in Kassel gezeigt hat.

 

   Wie sehr das Thema und die Person des Wissenschafters faszinieren, bewies das große Interesse an einem Gespräch mit Zeilinger kürzlich im Rahmen der Wiener Vorlesungen. Und dort zeigte der Physiker, wie sehr ihn selbst die Wissenschaft nach wie vor fesselt: "Es prickelt", meinte er etwa, wenn in der Physik auch allgemein akzeptierte Thesen in Frage gestellt werden.

 

   Zeilinger hat bei der documenta 13, der weltweit wichtigsten Kunstausstellung, nicht nur als wissenschaftlicher Berater fungiert, sondern auch quantenphysikalische Experimente gezeigt, die die Grundprinzipien der Quantenphysik verdeutlichen. Galerist John Sailer begründete sein Engagement im Gespräch mit der APA "mit der Neugierde über mögliche Ähnlichkeiten und Affinitäten zwischen Kunst und Wissenschaft". Beide würden sich "mit noch unbekannten Entwicklungen, mit der Unsicherheit, über das was herauskommt" beschäftigen.

 

   Zeilinger "nicht zum Verkauf"

 

   Die Frage, ob man nach der documenta und nun einer Galerie-Ausstellung bald einen "Zeilinger" kaufen könne, wehrt der Physiker mit Humor ab: "Der steht nicht zum Verkauf." Er wiederholte sein schon bei der documenta geäußertes Credo, dass es sich bei den Experimenten um "keine Kunstwerke" handle, sondern um eine "wissenschaftliche Präsentation, die allen Kriterien der Forschung standhält." Zudem sei es eine riesige wissenschaftliche Leistung seines Teams, Robert Fickler, Christoph Schäff und Bernhard Wittmann, die sonst im abgedunkelten Labor ablaufenden Versuche bei Tageslicht in einer Ausstellung ablaufen zu lassen. Wie bei der documenta stehen auch in der Galerie immer wieder Physiker den Besuchern für Auskünfte zur Verfügung.

 

   Nach Ende der bis 11. Mai laufenden Ausstellung sollen die fünf durch die Akademie der Wissenschaften (ÖAW), den Forschungsförderungsfonds FWF und die Uni Wien finanzierten Experimente die Keimzelle eines Besuchslabors an der Universität Wien bilden.

 

   Geisteswissenschaften in der Defensive

 

   Bei der Wiener Vorlesung stand nicht die Quantenphysik im Mittelpunkt. Der kürzlich zum neuen ÖAW-Präsidenten gewählte Zeilinger zeigte sich in dem Gespräch über die Trennung zwischen Natur- sowie Geistes- und Kulturwissenschaften "unglücklich", gerade in Wien gebe es auch in der Naturwissenschaft die Bereitschaft, sich mit fundamentalen, philosophischen Fragen auseinanderzusetzen.

Zeilinger sieht in Europa bei vielen Geisteswissenschaftern das Gefühl, in der Defensive zu sein - "das ist nicht gut, denn Fragen wie Angst vor dem Fremden oder rücksichtslose finanzielle Gier waren schon in den Geisteswissenschaften aktuell, bevor sie politisch aktuell wurden".

 

   Das Problem bei den Naturwissenschaftern sei dagegen, dass sie manchmal in die Falle tappen würden, sich über die Nützlichkeit ihrer Arbeit zu rechtfertigen. "Die wahre Motivation quer durch alle Wissenschaften ist aber, dass man wissen möchte", sagte Zeilinger.

 

   Zauber der Wissenschaft

 

   Im Gegensatz zu Max Webers postulierter "Entzauberung der Welt" ist Zeilinger überzeugt, dass "die Naturwissenschaften die Welt immer mehr verzaubern". Dies gelte nicht nur für die Quantenphysik, sondern auch etwa für die Astrophysik, die derzeit ihr "goldenes Zeitalter" erlebe. Es gebe viele fundamentale Fragen, etwa jene über Dunkle Energie und Dunkle Materie, die noch nicht beantwortet seien, ihre Enträtselung würde "wahrscheinlich zu großen Änderungen unseres physikalischen Weltbildes" führen. Aber genau das sei das Schöne an den Naturwissenschaften, dass Thesen, die heute Mehrheitsmeinung seien, wieder in Frage gestellt werden können.

 

   Service: Ausstellung "Anton Zeilinger - Quantenexperimente - Von der Möglichkeit zur Wirklichkeit", Galerie Ulysses, 1., Opernring 21, vom 10. April bis 11. Mai; Das Physikerteam ist jeweils Donnerstags und Freitags mit Ausnahme von Feiertagen von 15 bis 18 Uhr sowie an den Samstagen 13. April und 11. Mai von 11 bis 13 Uhr in der Galerie.